Kein Platz für Zuwanderer

Kein Platz für Zuwanderer

Leitartikel von Lucien Montebrusco erschienen im Tageblatt am 1. September 2006

lmontebrusco@tageblatt.lu

Das Leben steckt voller Widersprüche. Während Luxemburg massiv Menschen in ihre ärmlichen Verhältnisse abschiebt, warnen Demoskopen vor einem Bevölkerungsrückgang in der Großregion.
Zwei weitere Tatsachen: Die meisten Personen, die dieser Tag nach Serbien und Albanien zurückgeschickt wurden, sind jung. Als Folge der negativen demographischen Entwicklung veraltern unsere Gesellschaften, sagen die Experten.
Bis 2020, und das ist bereits in 14 Jahren, reduziert sich die Bevölkerung der Großregion um nahezu ein Prozent, heißt es in einer rezenten Untersuchung der Interregionalen Beobachtungsstelle des Arbeitsmarktes (IBA). An der Studie beteiligt waren Fachinstitute aus Wallonien, dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Lothringen und Luxemburg.
Erfreulich ist dieser Schrumpfungsprozess nicht, denn er wird für Wirtschaft und Sozialsysteme neue Herausforderungen heraufbeschwören, wie man heutzutage ernsthafte Probleme zu umschreiben pflegt, für die man noch keine Lösungen hat. Den Betrieben werden zunehmend Fachkräfte fehlen; eine alternde Bevölkerung wird Kranken- und Pensionskassen stärker belasten. Steigenden Ausgaben könnten rückläufige Beitragseinnahmen gegenüberstehen. Auf die Arbeitslosigkeit würde sich der Bevölkerungsrückgang hingegen kaum auswirken, da vor allem wenig qualifizierte Personen erwerbslos sind.
Neualte Rezepte
Auch die IBA erfindet die Welt nicht neu. Wie andere Experten vor ihr empfiehlt sie der Politik und den Unternehmen, die vorhandenen Arbeitskraft-Potenziale intelligent zu nutzen:
1. ältere Arbeitnehmer beschäftigungsfähig halten durch permanente berufliche Weiterbildung; sie von schwerer physischer Arbeit weitgehend entlasten;
2. Bedingungen schaffen, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren, und damit die Beschäftigungsrate der Frauen zu erhöhen;
3. die Jugend besser auf die Erwartungen des Arbeitsmarkts vorbereiten, durch bessere Bildung und Qualifikation.
Alles Rezepte demnach, an die sich die Politik seit Jahren schon versucht. Das oftmals ohne großen Erfolg wie die rezente Studie des Luxemburger CEPS/Instead zum neuen Invalidengesetz gezeigt hat. Statt ältere Beschäftigte länger im Beruf zu halten, biete es ihnen sogar neue Ausstiegsmöglichkeiten.
Erstaunlicherweise findet eine vierte Alternative kaum Beachtung: Immigration gekoppelt an ernsthafte Bemühungen zur Integration der Zuwanderer.
Eine Frage, die angesichts zusammenwachsender Arbeitsmärkte in der Region grenzüberschreitend angegangen werden muss. Doch die Großregion ist auf politischem Plan ein Papiertiger, der seine Krallen nur anlässlich seltener Gipfeltreffen zeigt. Und solange Luxemburg Arbeitskraftmagnet bleibt und im Unterschied zum Saarland, Lothringen und Rheinland/Pfalz neue Einwohner anlockt, werden entsprechende Impulse von Luxemburg ausbleiben.
Illegale Immigranten werden weiterhin keine Chance in der sich entvölkernden Großregion haben.